interview

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2. November 2011

10 Fragen an Kirsten Fust

Kirsten Fust ist Elektrotechnik-Ingenieurin und leitet den Geschäftsbereich Technischer Netzservice bei der E.ON Hanse AG. Die Hamburgerin führt einen Mitarbeiterstab von 900 Mitarbeitern inklusive 19 Führungskräften an. Im September 2011 hat der Deutsche Ingenieurinnenbund die 47-Jährige (links im Bild) zu einer der 25 einflussreichsten Ingenieurinnen Deutschlands gewählt.



Was hat Sie an dem Beruf als Ingenieurin so fasziniert?
Ich fand die Möglichkeit, die Arbeit selbst zu gestalten, faszinierend. Es ist eine Kombination aus Mitarbeiterführung und Verwaltung, sowie technischer Arbeit. Es macht Spaß sowohl am Schreibtisch zu arbeiten, als auch in die operative Fläche zu gehen und sich mit den Kollegen auszutauschen.

 

An welcher Hochschule haben Sie studiert?
An der Fachhochschule Kiel, Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik.

 

Waren Sie die einzige Frau während des Studiums?
Ich war eine von sieben Frauen, unter 168 Männern. Das war 1989. Häufig musste man sich die Frage gefallen lassen, warum man nicht was Typisches für Frauen studiert hatte. Aber wir Frauen waren dabei, weil wir das Fach tatsächlich auch studieren wollten. Ich hatte nie Probleme mit der Akzeptanz bei Männern, sie haben einen schnell respektiert, sobald sie gemerkt haben, dass man in der Sache Bescheid wusste. Ich hatte zuvor auch eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin gemacht. Dort lernte man auch, dass in einer Werkstatt ein Kalender mit leicht bekleideten Mädchen hängen kann. Meine Meinung: Wenn eine Frau verbissen zu großen Wert auf den emanzipatorischen Weg legt, darf sie sich nicht wundern, wenn sie von Männern ein adäquates Echo bekommt.

 

Haben Sie schon mal erlebt, dass männliche Kollegen Ihre Kompetenz in Frage gestellt haben?
Nein. Oder zumindest nicht anders als bei männlichen Kollegen. Wenn man fachlich gut ist, dann wird man über subtilere Wege herausgefordert. Hier spielen eher Statussymbole  oder die Sitzordnung eine Rolle. Das ist auch reine Einstellungssache – wenn ich die Rolle des gelernten „Weibchens“ spiele, darf ich mich nicht wundern, wenn ich den Kollegen Kaffee kochen soll.

 

Was halten Sie von der Diskussion um die Frauenquote?
Nicht viel (lacht). Ich finde es natürlich erfrischend, dass jetzt darüber diskutiert wird. Doch es geht nicht lediglich darum, dass ein Firmenvorstand oder Führungspositionen jetzt mit Frauen aufgefüllt werden soll. Wenn man auf Länder wie Schweden oder Finnland schaut, kann man sehen, dass es in Wirklichkeit schon viel früher los gehen muss: Welche Möglichkeiten gebe ich den Mädchen/Töchtern in der Schule? Haben sie die Chance, das zu machen, was sie auch wirklich möchten? Und noch viel mehr.

 

Tauschen sie sich mit anderen Frauen in der Branche aus?
Ja. Ich habe bei E.ON ein konzernweites Frauennetzwerk, das IngE heißt, mit initiiert. Daneben tauschen wir uns mit dem VDE (Verband Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik) aktiv aus und unterstützen bei MINT und femtec. Man sollte sich aber nicht durch solche „Frauennetzwerke“ von Männern abgrenzen. Männer müssen auch ihre Erfahrung und Expertise einbringen, die für uns Frauen sehr nützlich sind.

 

Welchen Rat möchten sie jüngeren Nachwuchsingenieurinnen unbedingt mit auf den Weg geben?
Sie sollen auf ihren Bauch hören. Wenn die innere Stimme sagt, dass der eingeschlagene Weg richtig ist, dann sollten sie sich von Bedenken nicht abschrecken lassen. Ein Beispiel: Eine Kollegin hat mich jüngst gefragt, ob sie eine Stelle annehmen soll, bei der sie zwar ein gutes Gefühl hatte, die Aufgaben aber herausfordernd waren. Ich habe ihr gesagt: Greif zu. Inhalte kann man lernen!

 

Haben Sie Kinder? Wie familienfreundlich empfinden Sie die Energiebranche?
Ich habe eine zwölfjährige Tochter. Die Familienfreundlichkeit hat sich in den letzten Jahren eindeutig verbessert. Als ich angefangen habe, hätte ich nach einem Jahr nicht gleich ohne Abstriche im Job- in die Elternzeit gehen können. Doch seit ungefähr fünf Jahren gibt es in vielen Unternehmen die Möglichkeit, Beruf und Familie, pflegebedürftige Eltern eingeschlossen, besser zu vereinbaren. Meine Tochter hat zum Beispiel die Möglichkeit, in den Sommerferien in ein Zeltlager zu gehen, dass von E.ON Hanse organisiert wird.

 

Mit was haben Sie als Kind gespielt?
Ich hatte meine Barbiephase, meine Pferdephase und ich habe viel mit Legos gespielt. Die Freude an der Technik habe ich aber erst bei der Ausbildung nach dem Abitur entdeckt.

 

Wer tauscht bei Ihnen zu Hause die Glühbirnen aus?
Abwechselnd. Mein Mann und ich teilen uns die gesamte Hausarbeit einvernehmlich. Wir beide haben uns beim gemeinsamen Studium kennengelernt. Die letzte Leuchtstoffröhre im Keller habe ich ausgetauscht.

4. Oktober 2011

“Die männlichen Professoren verlassen die Gremiensitzung, wenn sie ihre Kinder bei der Kita abholen müssen”

Die Brandenburgische Technische Universität (BTU) in Cottbus hat zum zweiten Mal das Prädikat TOTAL E-QUALITY für die Chancengleichheit von Männern und Frauen erhalten. Der Verein TOTAL E-QUALITY e.V. verleiht das Prädikat seit 2001 jedes Jahr an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Am 4. Oktober 2011 findet dazu eine feierliche Veranstaltung in Berlin statt. Powerfrauennetz hat zu diesem Anlass die Zentrale Gleichstellungsbeauftragte der BTU, Ehrengard Heinzig, interviewt.

 

 

Powerfrauennetz (PFN): Sie haben das Prädikat TOTAL E-QUALITY für Ihre Arbeit im Bereich der Chancengleichheit und Gleichstellung erhalten. Wie gehen Sie dieses Thema im Alltag an?

 

Ehrengard Heinzig: Ich erkläre es Ihnen gern am Beispiel unserer Außendarstellung. Früher erschienen auf den Fotos oftmals nur Männer, Frauen waren eher „Randerscheinungen“ oder waren erst gar nicht abgebildet. Heute nehmen die Frauen in unseren Printprodukten und auf den Webseiten einen aktiven Part ein. Wir achten zudem darauf, dass unsere Maßnahmen alle Statusgruppen erreichen. Wir bieten Projekte an für Schülerinnen, Studentinnen, Doktorandinnen und für Frauen, die das Karriereziel Professorin haben.

 

PFN: Was erwartet die Schülerinnen in Ihrem Projekt?

 

Heinzig: Für drei Tage haben die Schülerinnen die Möglichkeit, in verschiedene Studiengänge der BTU und in interessante Themen einzutauchen, – etwa: woraus besteht Biogas, wie funktioniert Hardware, u. a. m. Sehr wichtig ist uns, dass auch Professorinnen und akademische Mitarbeiterinnen dieses Projekt den Schülerinnen nahe bringen. Das gilt auch für die Angebote im Probestudium, die für beide Geschlechter offen sind. Damit haben zum einen die Mädchen ein Vorbild, und zum anderen können sich die Jungs davon überzeugen, was kompetente Frauen an unserer Technischen Universität leisten.

 

PFN: Wie haben sich da die Teilnahmezahlen in den letzten Jahren entwickelt?

 

Heinzig: Wir haben 2001 mit etwa 150 Schülerinnen angefangen. Seitdem wir das Programm im Zuge der Gleichberechtigung auch für Jungs geöffnet haben, sind die Zahlen der Mädchen in den Schülerinnen-Projekten allerdings rückläufig. Das Projekt „MINT-Studentin auf Probe“ wird nun auch deshalb wahrscheinlich ein Auslaufmodell.

 

PFN: Verdrängen die Jungs nun die Schülerinnen?

 

Heinzig: Nein, wir beobachten vielmehr, dass die Frauen ihren Platz in der Universität mittlerweile mit viel Selbstbewusstsein erobert haben. Sie wissen sich zu behaupten und nehmen zunehmend die hervorragenden Angebote an, die sich nicht ausschließlich an Frauen richten. Wir wollen zudem auf jeden Fall ein neues Projekt für Abiturientinnen und Studienanfängerinnen auf die Beine stellen, das im Moment noch in der Entstehungsphase ist.

 

PFN: Sie bieten auch ein Mentoring-Programm für Studentinnen und Promovendinnen an. Was genau bietet dieses Programm den Teilnehmerinnen?

 

Heinzig: Studentinnen und Promovendinnen können an dem landesweiten Kooperationsprojekt „Mentoring für Frauen“ teilnehmen, das jeweils zehn Monate andauert. Dort tauschen sie sich mit Mentorinnen und Mentoren aus und erhalten Trainings z. B. zu Projektmanagement, Bewerbungskompetenz, Genderkompetenz und Persönlichkeitsentwicklung. Anders als bei einigen anderen Mentoringprogrammen können bei uns auch Männer Mentoren sein, soweit sie dazu bereit sind.

 

PFN: Warum Männer als Mentoren? Widerspricht das nicht Ihrem Gleichstellungsauftrag?

 

Heinzig: Ganz im Gegenteil, die Welt besteht doch aus Frauen und Männern. Wir sehen keinen Grund, warum wir uns bei der Auswahl von Mentoren nur auf Frauen beschränken sollten. Schließlich geht es darum, dass sich die Mentee und die Mentorin oder der Mentor auf gleicher Augenhöhe treffen, dass beide in dieser Tandem-Beziehung voneinander profitieren können. Warum sollten Männer da nicht mitmachen?

 

PFN: Wie vielen Frauen steht dieses Programm offen?

 

Heinzig: Zurzeit haben wir sieben Teilnehmerinnen an unserem Cottbuser Standort, sechs aus der BTU und eine von der Hochschule Lausitz (FH). Die sechs Studentinnen gehören nunmehr dem achten Projektdurchgang an und kommen aus den Studiengängen Betriebswirtschaftslehre, Landnutzung und Wasserbewirtschaftung, Umweltingenieurwesen, Kultur und Technik, Informations- und Medientechnik. Und die Promovendin ist diplomierte Hydrologin. Die Mentorinnen und Mentoren kommen aus regionalen Unternehmen und Einrichtungen. Die Resonanz ist gut – viele Mentees bleiben nach dem Studium auch hier in Brandenburg.

 

PFN: Welche Unterstützung erhalten Frauen, die Professorinnen werden wollen?

 

Heinzig: Das Projekt „PROFEM – professura feminea“ ist ein Kooperationsprojekt mit der Hochschule Lausitz (FH), und es ist ähnlich wie das Mentoring-Projekt aufgebaut. Die Projektteilnehmerinnen bekommen auch hier eine Tandempartnerin oder einen Tandempartner zur Seite gestellt und werden zu verschiedenen Themen gecoacht, etwa in Trainings zu Strategieentwicklung, individueller Karriereplanung, Drittmittelakquise, Berufungsverfahren, usw .  Darüber hinaus sind wir bestrebt, auch individuelle Wünsche der Teilnehmerinnen aufzugreifen. Ein Durchgang dauert 15 Monate.

 

PFN: Und wie schaut es bei Ihnen in puncto Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie aus?

 

Heinzig: Auch mit diesen Maßnahmen wollen wir alle Statusgruppen und sowohl Frauen als auch Männer erreichen. Praktisch sieht das so aus, dass durchaus auch die männlichen Professoren Gremiensitzungen bisweilen früher verlassen, wenn sie ihre Kinder bei der Kita abholen. Des Weiteren achten wir darauf, dass keine Nachteile für die Studierenden entstehen, wenn sie Familienaufgaben haben. Diesen Studierenden kann auf Antrag ermöglicht werden, dass sie Ersatzleistungen erbringen, zum Beispiel, wenn ein in der Studienordnung festgelegtes Auslandspraktikum über die volle Dauer eine familiäre Härte wäre.

 

PFN: Rufen die Maßnahmen nicht den Neid bei den anderen Studierenden hervor?

 

Heinzig: Darüber ist mir noch nichts zu Ohren gekommen. Ich habe den Eindruck, dass es dafür viel Verständnis gibt. Bei unseren Bediensteten dürfte es eigentlich auch keinen Neidfaktor geben. Schließlich fassen wir den Familienbegriff sehr weit. Dazu gehören neben der klassischen Familie auch allein erziehende Mütter und Väter, nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, Patchwork- und Pflegefamilien. Unsere Arbeit wird geschätzt – wir führen seit 2009 das Zertifikat als „Familiengerechte Hochschule“, das uns die berufundfamilie gGmbH erteilt hat. Seit dem letzten Jahr haben wir zudem eine neue, noch großzügigere Dienstvereinbarung zur flexiblen Arbeitszeit, und diese Regelungen gelten für alle, egal ob sie Familie haben oder nicht. Einschränkungen gibt es nur, wenn sie in bestimmten Bereichen tätig sind (z. B. Studierendensekretariat, Universitätsbibliothek, Kraftfahrer).

 

 

PFN: Wo sind Sie auf Probleme und Widerstände gestoßen?

 

Heinzig: Es gibt noch ein paar Baustellen. So hoffe ich, dass die Frauenförderpläne für die Fakultäten bald verabschiedet werden. Solche Frauenförderpläne haben wir bereits für die Universitätsverwaltung, die zentralen wissenschaftlichen Einrichtungen und Betriebseinheiten. Sie enthalten konkrete Zielvorgaben, die innerhalb von vier Jahren zu erreichen sind. Doch einige Herren sind bei uns ganz ernsthaft der Ansicht, dass es jetzt doch an der Zeit sei, verstärkt Jungs und Männer zu fördern. Ein Dauerbrenner bei der Arbeit ist übrigens die geschlechtergerechte Sprache. Es hat sich schon viel bewegt, aber da muss doch noch einiges passieren. Das wird noch dauern, weil es über die Jahre hinweg wachsen muss, und weil sich Sprache nicht so einfach „verordnen“ lässt.

 

PFN: Welche Ziele haben Sie noch auf der Agenda, was muss noch erreicht werden?

 

Heinzig: Meine Ziele sind, dass wir auch künftig das Prädikat TOTAL E-QUALITY erhalten und erneut als Familiengerechte Hochschule zertifiziert werden. Und ich setze mich dafür ein, dass wir für die Arbeit in unseren Projekten auch nach dem Auslaufen der derzeitigen Förderzeiträume wieder Finanzierungsmöglichkeiten bekommen.

23. August 2011

Lesenswertes Interview

“Frauen entschuldigen sich viel zu oft, statt einfach mal zu machen. Da gibt es eine Bremse im Kopf, die das nicht zulässt.”

 

Die Unternehmensberaterin Barbara Schmidt erklärt in einem Interview bei spiegel.de was Frauen bei ihrer Karriereplanung strategisch klüger machen können. Außerdem erzählt Schmidt, warum sie gegen die Frauenquote ist und und wie die Frauen sich für das Gehaltspoker am besten vorbereiten.